
Beim Trinken werden die Weichen für die Entwicklung des gesamten Mundraums gestellt. Wie wichtig der nicht nur für die Entwicklung gesunder Zähne, sondern auch für die Sprachfähigkeit des Babys ist, erklärt der Zahnmediziner Dr. Hubertus von Treuenfels.
Dr. von Treuenfels, in Ihrer kieferorthopädischen Praxis haben Sie häufig mit den sichtbaren Folgen von Fehlentwicklungen im Kieferbereich zu tun. Wie vielen Kindern könnte man eine Spange im Jugendalter ersparen, wenn Eltern der Entwicklung des Mundraumes von Anfang an größere Bedeutung beimessen würden?
Während meiner Praxistätigkeit ist mir die Häufigkeit und unterschätzte Bedeutung von Zahnfehlstellungen bei Kindern und Jugendlichen deutlich geworden. Dadurch entstand der Wunsch, mehr für die Vorsorge zu tun, denn die orale Entwicklung in frühester Kindheit ist bestimmend für ein ganzes Leben. Nur wenn das Zusammenspiel von Kiefer, Gaumen, Zunge, Lippen und Zähnen funktioniert, sind beste Voraussetzungen für Nahrungsaufnahme, Atmung und Sprachentwicklung gegeben. Ganz wichtig für alle Eltern ist aus meiner Sicht deshalb die Einsicht, dass das Vorbeugen von Zahnfehlstellungen bereits mit dem Stillen beginnt. Babys kommen mit einem so genannten Neugeborenen- Rückbiss zur Welt.
Was bedeutet das für die Ernährung des Säuglings?
Bei Neugeborenen liegt der Unterkiefer noch hinter dem Oberkiefer zurück. Außerdem ist der Unterkiefer ein wenig schmaler. Dieser so genannte Neugeborenen- Rückbiss ist eine natürliche und kluge Anpassung an die Geburt, denn er erleichtert dem Baby seinen Weg durch den engen Geburtskanal. Dank der im Neugeborenen- Rückbiss gegebenen Form und Lage von Kiefer und Kiefergelenk wird dem Säugling ein effektives Saugen mit Vor- und Zurückbewegung während des Stillvorgangs ermöglicht. Der Neugeborenen-Rückbiss bietet die
anatomische Voraussetzung für optimale richtige Saug-Schluck-Bewegungen. Mit dieser Mundfunktion wird der Grundstein für die weiteren Lernschritte, das Aufnehmen von fester Nahrung und die Ausbildung der Sprache gelegt. Sie haben das Stillen auch als „Bodybuilding" fürs Baby bezeichnet. Beim Bodybuilding wird Muskulatur aufgebaut.
Welche Muskeln werden beim Stillen trainiert?
Tatsächlich betreibt jedes Baby beim Stillen eine Art Bodybuilding, denn es trainiert sämtliche Gesichts- und Nackenmuskeln bis hinunter zu den Schultern. Mit dieser frühen Kieferkräftigung trägt das Stillen zu einer guten Kopf- und Körperhaltung in späteren Lebensjahren bei. Aber das ist noch nicht alles. Auch im Mundbereich trainiert das Baby jede Menge Funktionen: So erlernen die Zunge und die spätere Kaumuskulatur beim Stillen fein abgestimmte, kraftvolle Bewegungen, die das Wachstum der Kiefer- und Gesichtsknochen unterstützen. Die so ausgebildete Muskulatur ist nun vorbereitet, später die Lautbildung zu ermöglichen.
Richtiges Trinken ist also eine wichtige Vorbereitung für die Entwicklung der kindlichen Sprachfähigkeit?
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Gibt es aus der Sicht eines Kieferorthopäden überhaupt eine Alternative zum Stillen?
Stillen stärkt und fördert das Baby auf vielfältige Art und Weise. Für Zahnärzte und Kieferorthopäden ist es besonders faszinierend, wie ideal die weibliche Brust und der kindliche Mund aufeinander eingestellt sind. Alles, was das Baby beim Stillvorgang lernt, trägt zur Entwicklung eines gesunden Mundraumes bei. Wenn nicht oder nicht mehr gestillt wird oder aber Muttermilch mit der Flasche gefüttert wird, sollte der Trinkvorgang dem Saugen dem an der Mutterbrust so ähnlich wie möglich nachempfunden werden.
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Welche Eigenschaften sollte ein Sauger haben, damit er dem Vorbild der Mutterbrust am ehesten entspricht?
Der Sauger sollte so geformt sein und so funktionieren wie die mütterliche Brustwarze in Stillfunktion - das heißt er sollte asymmetrisch oder, wie die Mediziner es nennen, orthodontisch sein. Da ein Sauger nicht die Anpassungsfähigkeit der Brustwarze erreichen kann, sollte sich die Form unbedingt dem kindlichen Kiefer ergonomisch anpassen und der Zunge genug Bewegungsraum lassen. Und noch ein Aspekt ist für die orale Entwicklung Ihres Babys wichtig: Während der Stillzeit passt sich die Brust der wachsenden Mundhöhle des Babys optimal an. Wichtig ist deshalb, dass auch der Sauger mit dem Wachstum Ihres Kindes Schritt hält. Am besten nutzen Sie die für die unterschiedlichen Altersgruppen angebotenen Saugergrößen.
Welches Material erfüllt diese Bedingungen am ehesten? Spielt es eine Rolle, ob der Sauger aus Latex oder Silikon besteht?
Damit das Saugen an der Flasche dem Stillvorgang so ähnlich wie möglich ist, müssen Sauger aus hoch elastischen, strapazierfähigen und natürlich absolut unbedenklichen Materialien gefertigt werden. Ob Sie sich für einen Sauger aus Latex oder Silikon entscheiden, ist dann weitgehend Geschmacksache. Latex zeichnet sich durch eine hohe Elastizität, extreme Belastbarkeit, große Zug- und Reißfestigkeit und eine außergewöhnliche Flexibilität aus. Silikon ist ein weitgehend gummielastisches Material von besonderer Weichheit, transparent, kochfest und geschmacksneutral. Gegenüber Latex ist Silikon jedoch weniger elastisch, es reißt, wenn einmal die Oberfläche beschädigt ist, schneller weiter. Bei einem Dauergebrauch von Silikon- Saugern empfiehlt es sich, ständig auf die Unversehrtheit zu achten. Sind beim Silikon- Sauger z. B. Riefen, Kratzer, Bissstellen oder gar kleine Löcher zu erkennen, müssen Sie den Sauger aus Sicherheitsgründen austauschen.
Wie sollte ein Sauger beschaffen sein, damit das Baby beim Trinken keine bzw. so wenig Luft wie möglich schluckt?
Wie beim Trinken an der Brust, sollte das Baby den Sauger mit seinem Mund fest umschließen können. Eine flache Taillierung des Saugers verhindert übermäßiges Luftschlucken beim Trinken. Ist der Sauger zusätzlich mit einem AIR SYSTEM ausgestattet, wird das Risiko von Säuglingskoliken durch schädliches Luftschlucken vermindert. Manche Mütter haben den Eindruck, dass das Trinken aus dem Fläschchen sehr anstrengend für ihr Baby ist.
Kann man dem Baby das Trinken erleichtern?
Auch wenn einigen Müttern dieser Anblick schwer fällt, für ihre Babys ist die sicht- und hörbare Anstrengung beim Trinken genau richtig. Aus entwicklungsphysiologischer Sicht ist diese Anstrengung die Muskelbildung und damit für eine gesunde Entwicklung des Säuglings notwendig.
Ein Trinksauger sollte, eng der Brustwarze nachempfunden, weich und flexibel sein. Durch die asymmetrische Form passt sich die gewölbte Oberseite der Entwicklung des Gaumens an. Ein unten abgeflachtes Lutschteil erlaubt der Zunge beim Saugen eine angemessene Position und Bewegung und unterstützt so die Entwicklung der Kiefer



