
Wie viel Weinen ist normal?
Solange ein Baby keine andere Ausdrucksmöglichkeit hat, kann es nur durch Weinen auf seine Bedürfnisse aufmerksam machen. Aber wie viel Weinen ist normal? Und wann haben Eltern es tatsächlich mit einem Schreibaby zu tun? Die Psychologin Renate Barth hat sich intensiv mit der Thematik beschäftigt. Schreien ist für Neugeborene überlebensnotwendig. Es ist besonders in der ersten Lebensphase die einzige Möglichkeit für die Kleinen, auf sich aufmerksam zu machen und sich mitzuteilen. Schreien ist also nicht nur normal – es spielt besonders in der Anfangszeit eine wichtige Rolle für das Baby. In geschätzt zehn bis 20 Prozent nimmt das Schreien jedoch Überhand und wird von den Eltern als stark belastend empfunden. Die Kinder scheinen sich trotz aller Bemühungen durch nichts mehr beruhigen zu lassen – ein Zustand, der auf Dauer schwer zu ertragen ist. Mit eben diesem Problem hat sich die Familientherapeutin Renate Barth ausgiebig befasst und eigens eine „Sprechstunde für Eltern mit Kindern, die viel schreien“ eingerichtet. In den langen Jahren ihrer Tätigkeit hat sie festgestellt, dass das Problem weder allein auf Seiten der Eltern oder Kinder liegt – die Kommunikation zwischen beiden ist der „Knackpunkt“. Um Abhilfe schaffen zu können, müssen Eltern verstehen lernen, was in ihren Kindern vorgeht, doch vor allem: die Vorzeichen der nächsten Schreiattacke erkennen und richtig deuten lernen. Allgemeine Unruhe, Quengeln oder beispielsweise ein glasiger Blick, der meistens durch eine Reizüberflutung verursacht wird, sind eindeutige Signale des Kindes. Lernen Eltern, diese richtig einzuschätzen, ist das große Geschrei schon bald Vergangenheit. Sie sollten sich trotzdem der Tatsache bewusst sein, dass es unter den Babys sowohl robuste wie auch besonders sensible gibt., die auf Störungen und Abweichungen von der Normalität einfach empfindlicher reagieren als andere Kinder. Wann ein Baby ein Schreibaby ist, hat die Forschung an der so genannten „Dreier-Regel“ von Wessel et al. (1954) festgemacht: Anfälle von Schreien, Irritierbarkeit und Nörgeln, die länger als drei Stunden am Tag dauern, an mehr als drei Tagen pro Woche auftreten, und seit mehr als drei Wochen angedauert haben. Im klinischen Alltag wird allerdings nach einer subjektiven Sichtweise beurteilt. Ein Baby gilt dann als Schreibaby, wenn das Schreien für die Eltern ein Problem darstellt und sie aus
diesem Grund Hilfe suchen.
Die Diplom-Psychologin Renate Barth arbeitet seit vielen Jahren als Familientherapeutin und Psychoanalytikerin.Zuletzt errichtete sie in Sydney/Australien speziell eine „Sprechstunde fürEltern mit Babys, die viel schreien“. Ihre Erkenntnisse aus dieser Zeit hat sie in dem äußerst informativen Ratgeber „Was mein Schreibaby mir sagen will“ (Verlag Beltz) festgehalten.


